VR/AR: Gefühlt echt.

 

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Virtual und Augmented Reality (VR/AR) wirken wie Zauberei aus der Datenwelt. Die scheinbare Realität wird gefühlt echt, egal ob sie  der Phantasie eines Entwicklers entspringt, das eigene Ich in eine entfernten Realität führt oder unsere Umwelt ergänzt.

All das steuert in einen tiefgreifenden Wandel der digitalen Welt, sind sich die Zukunftsforscherin Karin Frick (Gottlieb Duttweiler Institute) und der Experimental-Querdenker Christian Steiner (senselab) einig. Ob hilfreiche 3-D-Anleitungen für den Servicetechniker, holographisch erweiterter Arbeitsplatz oder das Gefühl live im weit entfernten Konzertsaal zu sitzen – Realität und Kunstwelten verschwimmen, spürte das Plenum während seines Workshops in Sachen VR und AR.


VR – eine unendliche Geschichte

DSC_0179Als Vater der Virtual Reality gilt Ivan Sutherland. 1965 entwickelte er mit dem Konzept des Ultimate Display alle nötigen Elemente für das „Wunderland, in das Alice eintaucht“. Er konzipierte ein Stereo-Kopf-Display, verknüpft mit räumlichen Abbildungen auf Datenbasis.

Und doch mangelte es an den Details, vermittelt Professor Oliver Riedel, Institutsdirektor des Fraunhofer IAO in Stuttgart: Rechenleistung für hochaufgelöste Bilder, 3-D-Echtzeitgrafik, Minidisplay, Gewichtsreduzierung der Optik auf leichte Brillen… All das entwickelte sich kontinuierlich ab Ende 80er Jahre, getrieben durch Entertainment, Gaming oder Architektur. Typische Industrieanwendungen wuchsen zeitgleich an Forschungszentren wie Fraunhofer, darunter Simulationsverfahren, die heute jeder Pilot kennt.

Seit kurzem boomt Virtual Reality geradezu, etwa in Industrieanwendungen beim Collaborative Engineering oder Digital Learning. Der digitale Zwilling im Virtual Engineering wird im Maschinenbau langsam Standard. Die virtuelle Erprobung zählt zu den Testfeldern neuer Produktionsansätze. In Zukunft sei VR in vielen Bereichen für uns alle so selbstverständlich wie heute ein Handy, prognostiziert Riedel.

Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Video: Ivan Sutherland

 

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Nicht ob, wann?

Die virtuelle Welt wird Alltag. Dessen ist sich die Zukunftsforscherin Karin Frick vom Gottfried Duttweiler Institut sicher. Die Frage sei nicht ob, sondern wie schnell.

Längst tobt im virtuellen Raum die Experimentierfreude: Vor dem spanischen Parlamentsgebäude in Form der ersten Hologramm-Demonstration, in den phantasievollen Begegnungswelten des social Sansar-Projektes oder beim spielerischen ABC-Lernen mit Octagon. Bei Letzterem genügt ein schlichtes Smartphone und schon trötet und trampelt ein lebensechter Elefant auf einem Stück Papier, und zwar ganz ohne Datenbrille. Smartphone oder Tablet genügen.

Frick denkt disruptiv, Datenbrillen könnten vernetzen: Dann lauschte man in der ersten Reihe einem Live-Konzert in der New Yorker Metropolitan Opera oder blickte mitten im Renngeschehen durch die Datenbrille eines Formel-1-Piloten. Und im Supermarkt spiegelt der Online-Konkurrent sein günstigstes Angebot jener Ware, auf die ich gerade mit meine Datenbrille blicke. Ordern Sie online. Jetzt!

Erfolgreich wird demnach sein, wer mit Blick auf Virtual Reality die passenden Datenschnittstellen besetzt, so Frick: Wer gestaltet den Browser, wer kann Orte und User zuordnen, passend vernetzen? Das Experiment virtuelle Realität habe längst begonnen, vermittelt Frick.

Gottlieb Duttweiler Institut

Virtuelle Welten Sansar

Octagon Studios


Willkommen in der Realität

DSC_0390Christian Steiner ist Grenzgänger zwischen Realität und virtueller Welt, trug tagelang eine Datenbrille. Im Dauer-Selbstversuch lotete er Augmented Reality genussvoll aus, berichtet über teils absurde Erfahrungen: „Es ist befremdend, wenn man im ICE eine virtuelle Bürowelt aufbaut und bei der nächsten Kurve dreht sich das ‚Büro‘, da der GPS-Empfänger eine Bewegung interpretiert.“ Offne man zu Beginn einer Autofahrt einen virtuellen Bildschirm mit Video, haftet das virtuelle Fenster am Startpunkt. Um es zu schließen, müsse man tatsächlich zurückfahren, schildert er.

Doch all das seien Kinderkrankheiten, das Arbeiten in einer Augmented Reality sei bequem und anreichernd – man habe überall ein individuelles Office, jede Anwendung sei verfügbar, stetig virtueller “Direktkontakt”erleichtere das Teamwork.

Allerdings sei das Brillendesign noch auffällig, keineswegs ausgereift. Doch Steiner dreht bei seinen Begegnungen kritische Fragen einfach um: „Als ich antwortete, das ist ein Prototyp eines neuen iPhones, wandelte sich schon mal Ablehnung in Interesse.“

Senselab


Technische Herausforderung

DSC_0352Echnatons Gemahlin kommt aus dem Drucker. Als kleine Figur baut ein 3-D-Printer die Büste der Nofretete auf. Und auch das ist eine Möglichkeit der Virtual Reality: der Scan eines Objektes und nötigenfalls die Ergänzung für Repliken. Solche Daten wären Fundament für eine Bibliothek kunsthistorischer Details. Das Berliner Heinrich Hertz Institut zählt zur innovativen Fraunhofer-Familie, es forscht und entwickelt derartige Szenarien, nutzt dafür VR-Techniken. Mit Erfolg, wie Kathleen Schröter aufzeigt.

Virtual Reality ist dabei in allen Formaten eine Herausforderung: Optik bei der Aufnahme, Rechenleistung für die virtuelle Welt, Umsetzung und schließlich der Transfer zum Menschen via Display-Technik. All das beschäftigt das Berliner „3IT“-Team, aktuell entsteht ein Rundum-Studio mit 16 Stereo-Kameras, ein 3-D-Living-Lab.

Dabei geht es nicht nur um Digitalisierung des Abbildes, ebenso um Gestik, die Art der Wahrnehmung und der Transfer in den Gebrauchsalltag. Es ist ein Eintauchen in die virtuelle Welt, ob als Zuschauer oder als empfundene Realität – das immersive Erlebnis.

TIME Lab – 3IT Summit (23./24.10.17): Programm und Registrierung


Computer, hello Computer …?

thyssenkrupp Elevators lebt VR-Technik im Alltag: In der Aufzugtechnik hat man das integrierte Wartungsprogramm MAX mit der HoloLens-Technologie von Microsoft verknüpft. Die Brille ermöglicht „Mixed Reality“ und unterstützt als Werkzeug die Arbeit der 24.000 Servicemitarbeiter. Über die kombinierte Lösung erhält das Serviceteam frühzeitig Wartungshinweise, der Techniker vor Ort per virtuellen Ergänzungen detaillierte Einblicke und klare Arbeitsaufträge. Bei besonderen Fragen unterstützt ein Videocall den Austausch der Techniker.

Schon 2015 wurde MAX als erste vorausschauende Wartungslösung gestartet, seitdem sind tausende Anlagen in den Pilotländern USA, Deutschland und Spanien installiert worden. Insgesamt 180.000 Anlagen sollen bis Ende 2017 mit MAX verbunden sein. Die Entscheidung für HoloLens und MAX ist zeitlich laut thyssenkrupp Elevators eng mit den steigenden Bedürfnissen der Aufzugservicebranche verbunden. Prognosen gehen davon aus, dass der Servicemarkt jährlich um 4,9 Prozent auf rund 50 Milliarden Euro im Jahr 2019 klettert, schildert Elena González Ruibal.

Video – thyssenkrupp Elevators / VR in der Praxis

Video – Science Fiction von gestern: Computer, hello Computer…


Gefühlt echt

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Der Meinungsforscher Thomas Ebenfeld öffnet den Blick auf die Prognose: Laut BI Intelligence Estimates werden in rund fünf Jahren etwa 55 Millionen VR-Headsets den Markt befeuern. Die Einsatzfelder sind vielschichtig, reichen von Entertainment, Touristik, Shopping, Sales, Architektur und Engineering bis Healthcare. Vor allem werden mit virtueller Realisierung Erkenntnisse schneller erzielt und das Erleben intensiver. Birte Rommeswinkel, medicalvision.de, schildert wie bei der Mustereinrichtung von Apotheken Verpackungseinheiten per VR simulieren werden, damit Probanden ihre Eindrücke spiegeln können.

DSC_0290_1Die virtuelle Beurteilung habe aber Schranken, erklären die beiden Referenten am Beispiel „Car Clinic“. So nennt die Autoindustrie den Prozess, um den idealen Erlkönig für verschiedene Märkte zu ermitteln. Es gilt dabei das Design, Interieur und Anmutung an einem ausgesuchten Publikum zu testen. Eigentlich müssen Prototypen dazu aufwendig ins Ausland verfrachtet oder die Probanden eingeflogen werden. Beides ist teuer. Virtuelle, realistische Abbilder ermöglichen im Vergleich oft identische Ergebnisse. Doch nicht immer: Leder lässt sich zwar per Datenhandschuh fühlen, doch der typische Geruch fehlt. Und nicht jeder Proband reagiert auf virtuelle Vorstellungen realistisch.. Chinesen seien der virtuellen Welt näher als Europäer, so Ebenfeld.

Medicalvision

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Einfach, ganz einfach: 360-Grad-Blick

Einfach bequem und schnell – so stellt sich das Berliner Startup exp360.com Ansätze der virtuellen Welt vor. Die Macher kombinieren einfach vorhandene Techniken für neue Angebote. Mit dem Handy lassen sich 360-Grad-Bilder erstellen, die passend für eine Webpage gerechnet werden. Per Datenbrille können Besucher dann virtuelle Rundgänge erleben. In der Touristik, der Hotel- und Immobilienbranche sei der Ansatz bereits verstanden, so Thomas Pfitzer. Die Technik dahinter stellt das 2015 in Berlin gegründete Startup.

EXP360


VR Experience by Vodafone

DSC_0340Messeauftritte sind aufwendig, spiegeln aber umfassend die Produktpalette eines Unternehmens. Vodafone hat seinen CeBIT-Auftritt im Frühjahr kurzerhand per virtual Reality verlängert, ermöglicht den Messerundgang per Datenbrille. Auf Wunsch begleitet ein persönlicher Berater und beantwortet dem virtuellen Gast Fragen zum Produkt, berichtet Henning Kleem. Die Erfahrungen sind positiv: Das Format nutzt die intensive Messedarstellung und bietet jenen, die nicht teilnehmen konnten, trotzdem ein individuelles und intensives Messeerlebnis.

VR Experience by Vodafone


Mitmachen: VR/AR Plattform

Wer mit seinen VR/AR-Ideen einsteigen möchte: Für eine neu zu gründende VR/AR Plattform sucht der Bundesverband Deutsche Startups e.V.  Interessenten. Die Gründung ist für den November 2017 geplant.

Eintragen für VR/IR Plattform