Stille Disruption


Das FinTech-Segment ist in der Start-up-Szene vergleichsweise jung, die Hürde der Banklizenz fungiert als Schutzwall der etablierten Branche. Wer den Wall überwindet, wird aber als ernsthafter Partner wahrgenommen. Die Mehrzahl der Geld- und Kreditanstalten arbeitet bereits im Austausch mit FinTech-Unternehmen.

Diese Entwicklung beschert dem gesamten Branchensektor neue Perspektiven und lebt vom Miteinander etablierter und neuer Konzepte. Gleichzeitig ist offenkundig: Der gemeinsame Konkurrent sind die Digital-Big-Player in den USA oder Asien.


Think Global

Banken und FinTech – das sei ein Schulterschluss, verdeutlicht Ole Barkmann, Head Business Development Financial Solutions bei Pass Consulting. 87 Prozent der Banken pflegten eine Kooperation mit Start-up-Varianten. Gemeinsamer Konkurrent seien die US- Player Google, Amazon, Facebook und Apple (GAFA) und die auf dem deutschen Markt aktiven asiatischen Player Baidu, Alibaba und Tencent (BAT). Deren Banking-Funktionen und Finanzdienstleistungen binden Kunden an ihr Ökosystem.

Facebook entwirft mit Libra eine globale private Komplementärwährung, Apple Pay ist in den USA die führende Mobile-Payment-Lösung, Amazon und Google sind im eCommerce nahezu unentbehrlich für Händler und Kunden. Tencents Messenger WeChat ist ein Ökosystem aus Zahlservice, Entertainment und Werbeerlösen, Alibaba schlägt sogar Amazon und verknüpft mit neuen Retailformaten die On- und Offline-Welt.

In Deutschland steht solchen Modellen eine zersplitterte Bankenlandschaft gegenüber, so Barkmann, und nennt beispielhaft 875 VR-Banken und 379 Sparkassen.

Pass Consulting


Trend: Money digital

Service immer und überall, digital und bitte auch beim Banking – das sei ein bleibender FinTech-Trend, verdeutlicht Julian Grigo, Head of Digital Banking & Financial Services im Branchenverband. Die Tendenz sei eindeutig: Bargeldzwang statt Handy- oder Kartenzahlung gelte als Ärgernis, eine gesetzlich vorgeschriebene Alternative fehle.

Wer FinTech auf Onlinekonten oder Geld-Apps reduziert, irrt. Die Start-ups erweitern digitale Möglichkeiten, vergleichen die Optionen ihrer Bankenpartner, bieten neue Modelle im verkrusteten Versicherungsmarkt oder positionieren sich als technische Dienstleister. Sie nutzen den zersplitterten Markt und offerieren ihren Kunden die besten Angebote – europaweit.

Bitkom – Report digital Finance

PwC FinTech- Kooperationsradar


Service neu gedacht

Christine Kiefer ist eine Kennerin der FinTech-Szene: Sie gründete die Vereinigung der Fintech Ladies, ist CEO und Co-Founder von RIDE Capital und zählt zum FinTechRat des Bundesfinanzministeriums. Echte Spezialisten brechen den Markt auf, veranschaulicht sie: Service Payment-Provider wie Klarna, Adyen oder Ogone treiben den schnellen und sicheren Zahlungsverkehr im eCommerce voran, egal ob via Rechnung, Kreditkarte, Lastschrift, PayPal oder Vorkasse. Challenger-Banken bieten technologiebegeisterten Kunden fixen und preisgünstigen Service. In acht Minuten sei ein automatisiertes Konto bei N26, Penta oder Kontist eingerichtet.

Mit geringen Kosten und Fokus auf Sicherheit überzeugen Scalable.capital, Weltsparen oder Whitebox die Anleger. Beim Kredit helfen Credit Shelf, smava oder kreditech automatisiert dabei, die Partnerbank mit den idealen Konditionen zu finden. Peer-to-Peer-Kreditanbieter wie Kapilendo, Zinsbaustein oder Exporo vermitteln Kapitalgeber direkt. Stärke der „InsuranceTech“ mit Coya, wefox, ottonova, Clar und friendsurance ist der elektronische Vergleich mit „On-demand“-Varianten. Der Markt ist vielfältig und gesplittet, verdeutlicht die Expertin.

Christine Kiefer


Banking as a Service

Die solarisBank scheint oberflächlich betrachtet ein digitales Gegenstück der konventionellen Bankenwirtschaft zu sein. Der Eindruck stimmt und ist doch ein Understatement, wie Jörg Diewald, Chief Commercial Officer, darlegt. Tatsächlich vereint die solarisBank internationale IT-Spezialisten und offeriert Systemelemente als White-Label-Konstrukt für andere Geldinstitute.

Das Ecosystem der lizensierten solarisBank reicht von der Know-Your-Customer-Plattform über digitale Bankvarianten, gelabelte Kreditkarten, Payment im eCommerce, papierlose und mobile Kreditlösungen bis hin zum Brückenschlag in die Kryptowährung. Eine ausgezeichnete Visitenkarte ist der schlanke Konsumentenalltag, den die solarisBank ihren Bankkunden vorlebt. Der Dienstleister ist ein Tech-Anbieter, der die Digital-Bank als Serviceplattform definiert. Und das ist mehr als ungewöhnlich.

Solarisbank


Bankenplattform Weltsparen

Raisin besitzt ebenfalls eine Banklizenz und setzt mit seiner Marke Weltsparen auf den automatisierten Vergleich für klassische Zinsprodukte. 450 unterschiedliche Angebote von 85 Partnerbanken aus 24 Ländern bildet Weltsparen ab, so deren Head of Business Client, Lisa Schmid. Es ist ein Win-Win-Dreieck: Einige Banken benötigen Anlage-Formate, um die EU-Einlagensicherungsvorgaben zu erfüllen, während Kunden nach risikoarmen, gewinnbringenden Zinsbedingungen suchen. Weltsparen etabliert sich als internationaler Vermittler. Die digitale Welt minimiert den Aufwand und maximiert das Portfolio.

Das Modell klingt einfach: Parkt ein Unternehmen oder ein Privatkunde in Deutschland Geld, kostet das bisweilen Strafzins. In Spanien hingegen würde ein Plus von 0,28 Prozent die Einlage mehren. Weltsparen matcht automatisch Angebote und Kundenwünsche. Der typische Anleger investiert dabei rund 60.000 Euro und ist 56 Jahre alt.

Weltsparen


Payment-Gateway Adyen

Mit einer europäischen Bankenlizenz operiert Adyen. Nahezu jeder, der online einkauft, bei Ebay handelt, mit booking.com Übernachtungen bucht, mit EasyJet, Flixbus oder Uber reist, Microsoft-Services begleicht oder Spotify nutzt, war bereits unbemerkt mit Adyen in Kontakt. Die Kundenliste des Payment-Gateways liest sich wie ein Who-is-Who des eCommerce. Adyen bedient sämtliche Verkaufskanäle und wickelte bereits 2018 rund 159 Mrd. Euro ab, so Alexandra von Bismarck, Country-Managerin Deutschland. Vor allem verkürzt der Anbieter Wartezeiten, sogar vor der Ticketkasse, über einen QR-Einkauf. Der FinTech-Anbieter analysiert zugleich das Konsumentenverhalten und optimiert. Das mindert Umsatzverluste im eCommerce.

Adyen


Nische InsureTech

Industrieversicherungen sind eine Nische in der FinTech-Landschaft. Dieser Insurer-Markt ist geprägt durch hohe Umsätze pro Kunde, eine kleine Maklerschar und individuelle Risikobewertung. Das scheinbar komplizierte Konstrukt lasse sich per Portal übersichtlich und einfach abbilden, schildert FinLex-CEO Sebastian Klapper sein Erfolgsmodell.

Zu den Anbietern zählen die Branchengrößen von Axa bis Zurich. FinLex speist deren Parameter in die Datenbank ein. So können versierte Makler mit wenig Aufwand passgenaue Angebote für ihre Kunden erstellen. Mit den typischen Produktclustern Managerhaftung, Cyber Risk und Rechtsschutz konzentriert sich FinLex auf den Mittelstand, wo eine Risikobewertung standardisiert erfolgt.

FinLex


Inkasso digital

eCollect etabliert sich als Rechnungsoperator und Inkasso-Spezialist, schildert CEO Dr. Marc Schillinger. Sein Unternehmen mit Sitz in der Schweiz und Töchtern in Deutschland und Bulgarien agiert gezielt international. Es vereint dabei die Möglichkeiten der Digitalisierung mit automatisierten Prozessen, besonderen Ländervorschriften und multilingualen Formaten.

Schillinger schildert ein einfaches Beispiel: Vergisst ein LKW-Fahrer eine spanische Mautrechnung, folgt die Erinnerung in der Landessprache mit Euro-Betrag. Bei einem polnischen Fahrer würde eCollect in dessen Landessprache um Zloty bitten, bei seinem schweizerischen Kollegen in der gängigen Kantonssprache Franken einfordern.

eCollect


Innovativer Vermittler

Die Deutsche Bank nutzt FinTech-Ansätze, um die eigenen Strukturen zu optimieren und neue Zielgruppen im Business zu erschließen. Global hat die Deutsche Bank dafür InnovationLabs aufgebaut, so Martina Köhler, die in Berlin als Engagement Lead agiert. Die kleinen Kommunikationseinheiten sind eine Brücke zu allen passenden Technologien und Start-ups, nicht nur der FinTech-Szene. Die Innovationexperten recherchieren, sichten und unterstützen junge Unternehmen, kennen jedoch ebenso die Anforderungen in den hauseigenen Geschäftsbereichen.

Wie Mediatoren führen die Macher der InnovationLabs beide Seiten zusammen, um gemeinsame Businessmodelle zu entwickeln.

InnovationLab Deutsche Bank


Disruption intern

Jens Wohlfahrt, Head der Digitalbank Fyrst, unterliegt den Bedingungen eines Konzerns. Fyrst ist zwar augenscheinlich eine eigene Bank, doch rechtlich ein Businessmodell innerhalb der Deutschen Bank Gruppe. Der hausinterne Benchmark – Fyrst als gewinnorientierte Einheit voranzutreiben – ist daher für ihn Pflicht.

Wohlfahrt verschmolz in Fyrst die Vorteile der Digitalbank mit jenen eines etablierten Unternehmens. Sie arbeitet schlank, ist effizient und schnell. Im Fokus stehen kleine Geschäftskunden, darunter Start-ups und Digitalunternehmen. Zugleich kann Fyrst auf die vollständige Infrastruktur einer Bank zurückgreifen. Manchmal sei das bremsend, manchmal beschleunigend.

Digitalbank Fyrst