Blockchain – Internet of Values

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Noch steckt Blockchain in den Kinderschuhen, ist Experimentier- und Erfahrungsfeld. Das Fundament von Kryptowährungen ist so konzipiert, dass Ketten gesicherter Werte entstehen, ein “Internet of Values”.

Theoretisch könnten Unternehmen entstehen, die vollständig automatisiert und transparent agieren: beim Handeln, Vermitteln, Weiterreichen von Dienstleistungen, Rohstoffen und Produkten. Alles scheint machbar, von der privaten Kleinbank bis zum Bit als CEO.

Die Blockchain Technologie ist zwar erst am Anfang, doch es herrscht bereits jetzt eine digitale Goldgräberstimmung in Europa. Beim jüngsten Workshop des Plenums haben wir auf die Vielschichtigkeit der Technologie geblickt.


Historie der Chain

Seit 1998 geistert Wei Dai’s Idee einer virtuellen Währung durch die Cyberwelt: b-money solle mittels Kryptographie statt Institutionen verwaltet werden, so die Theorie des Computer-Ingenieurs und Cyber-Punks. Die passende Blockchain skizzierte 2006 Satoshi Nakamoto, ein Pseudonym. Er gilt als Bitcoin-Erfinder. Hinter dem Pseudonym steckt angeblich der australische Computerfachmann und Unternehmer Craig Steven Wright.

Derzeit ist die Chain technisch und im Potenzial mit den Internetanfängen der 90er-Jahre zu vergleichen, zugleich ist ihre Entwicklung rasant. Sorgsam und kontinuierlich tüftelt die eingeschworene Chain-Szene an der Grundlagenentwicklung. Und längst ist auch die Investorenszene aufmerksam geworden.

Der Erfinder der Kryptowährung – Wei Dai ›

Die Idee der Blockchain – Satoshi Nakamoto (PDF) ›


Block für Block

Aktuell gibt es rund 870 Kryptowährungen. Jede Transaktion wird per Peer-to-Peer-Netzwerk durch die Anwender bestätigt – es herrscht gegenseitige Kontrolle. Die Transaktionen selbst sind grundsätzlich transparent, die Akteure der Konten hingegen strikt anonym.

Bestätigen die jeweiligen User eine Transaktion, werden die zugehörigen Infos, wie Sender, Empfänger und Summe mit einem Zeitstempel in minimalen Daten-Blöcken hinterlegt. Diese werden kryptografisch zementiert und als unauflöslicher Code im Block eingeschweißt. Der Code wird auch im nächsten Block verankert, so wächst eine sichere Informationskette, bestätigt, prüfbar, dezentral.

Erfolgstreiber: Bitcoin ›

Erfolgstreiber: Ethereum ›

Handelsplatz für Kryptowährung ›


Ein Hype? Ja, und wie!

IMG_9665Dr. Philipp Giese berät das Wirtschaftsministerium, ist Fachautor und Analyst bei BTC-Echo. Der Physiker gilt als exzellenter Fachmann in Sachen Blockchain

Wenn binnen 30 Sekunden die Idee eines basic attention token 30 Millionen US-Dollar via Crowd generiere, könne man sicher von einem Hype sprechen, erklärt er. Bei solchen ICO (Initial Coin Offering) Decentralized Funding „kaufen“ Investoren im Crowdsystem, investieren so ins Produkt, vor allem aber in das Basissystem einer virtuellen Währung. Schließlich ist jede Kryptowährung limitiert, mit steigender Nachfrage klettert der Währungskurs.

Giese blickt nüchtern auf die technischen Vorteile der Technologie und sieht die Schwierigkeiten: Alles ist dezentral, bestätigt, unveränderbar, transparent. Doch wieviel Transparenz ist bei einer Geschäftsabwicklung notwendig, wo beginnt der Datenschutz, darf der Code unumstößliches Gesetz sein? Und muss jeder Vorgang auf Ewigkeit Bestand haben, wie soll ein Recht auf Löschung durchgesetzt werden?

Dazu gibt es praktische Probleme: Bestätigungen im Peer-to-Peer-Netz dauern, Sicherheit entsteht aber erst mit bestätigtem und angedocktem Block. Und vor allem: Wie weit ist die Idee mit der stetig steigenden Rechenleistung skalierbar?

Aktuelles in Sachen Blockchain & Co. ›


Smart, einfach smart

33 Milliarden US-Dollar ist umgerechnet der aktuelle Gegenwert der virtuellen Währung Ethereum (ETH), berichtet Dr. Sebastian Bürgel, CTO und Co-Founder der Validity Labs AG. Er schildert, wie die Blockchain die Warenwelt revolutionieren könnte.

Werden Kryptozahlungen mit Informationen verknüpft, erhalten sie unabänderlich, sicher und zuverlässig eine lückenlose Historie. Jede Transaktion wird dabei über einen Smart Contract mit klaren Bedingungen verknüpft. So lassen sich die Kontrolle von Herkunftsnachweisen, Zertifizierungen, Warenzustand und -menge, Zoll- und Steuerbestätigungen sowie Zahlungen an Lieferanten bei jedem Handshake automatisieren.

Der klassische „Mittler“ wie die Bank, der Trader oder Versicherungen entfallen, so Bürgel. Die Chain habe die Kraft, Lieferketten neu zu knüpfen und die Güterwelt vollständig smart abzubilden. Dafür sei die Verknüpfung mit Werten, mit Geldern, nötig. „Wir müssen uns daran gewöhnen, dass in Zukunft Maschinen eigenständig Geld verwalten. Und das braucht eine ganze Generation Zeit“, sagt er.

Validity Labs ›

UBS Unveils Blockchain for Trade Finance ›


Lückenlos, sicher, dezentral

Technologisch ist Blockchain noch in den Anfängen, praktische Anwendungen gibt es trotzdem: Everledger hat ein Modell entwickelt, bei dem Güter durch ihren Gebrauchszyklus begleitet werden. Das 2015 gegründete Unternehmen hat beispielsweise über 1 Millionen Diamanten erfasst. Jedes Weiterreichen der einzelnen Steine wird per Blockchain begleitet. Diese Idee ließe sich ebenso im Kataster- oder Meldewesen verwenden, Estland arbeitet im Projekt „X-Road“ daran.

Die disruptive Kraft der Chain benutzt „Etherisc”. Die Idee: Reisende können sich gegen Flugausfälle versichern. Die Blockchain beinhaltet einen Smart Contract, der die Flugdaten und die Prämie erfasst. All das wird mit den tatsächlichen Flugbewegungen verknüpft. Statt einer Versicherungsgesellschaft erlange ein Investor die Möglichkeit, um mit eigenem Kapital das Risiko abzudecken und über die Versicherungsprämien Erträge zu erwirtschaften.

Everledger ›

Etherisc › / Demotool ›

X-Road ›


Experimentierfeld Chain

DSC_0210Andreas Schindler ist Praktiker; er setzt beim Pharmaunternehmen Merck auf Blockchain. Der 50.000 Mitarbeiter umfassende Konzern agiert breitgefächert im Healthcare-Sektor, im Life Science-Segment, produziert „Performance Materials”, Funktionsmaterialien für Solar Panels und noch viel mehr.

Das Experimentierfeld Chain biete wichtige Ansätze in der Verknüpfung mit IoT, so Schindler. Würden Maschinen ihre Informationen per Minimal-Transaktion in eine Kryptowährung einklinken, wäre der Status nachweislich mit Zeitstempel in der Blockchain dokumentiert.

Solch eine Sicherung der Produktion- und Handelskette hat für Merck einen gewaltigen Stellenwert. Auch kann die Chain helfen: Gelänge es bei jedem Weiterreichen, jedem „Handshake“, die Zahl der Verpackungen oder gar einzelnen Tabletten lückenlos zu dokumentieren, ließen sich Fälschungen verhindern, so Schindler. Piraterie und Fälschungen im Pharmaziebereich erzeuge immerhin ein 340-Milliarden-Dollar-Schaden, so der Merck-Experte.

Merck Group ›


Internet of Values

Internet of Value nennt Christian Gorgas, Mitgründer und CEO bei XTech, passend die Blockchain. Das Startup arbeitet an einer Maschinen-Transaktionsplattform auf Basis eines Blockchain-as-a-Service-Modells. Rund 15 Prozent der Transaktionen werde in rund drei Jahren zwischen Maschinen stattfinden, schätzt das World Economy Forum.

Wie das aussehen kann, zeigt „share and charge“, das Innogy vorantreibt: Hier werden Blockchain, e-car und Ladestruktur für e-Zapfsäulen gekoppelt. Beim Bezahlen per Kryptowährung werden nicht nur die Ladedaten nachweislich verrechnet. Ziel ist ein Netzwerk, bei dem Lade-Anbieter ein Angebot an Fahrer und Fahrzeug senden können – passend zum Energiebedarf der Batterie. Die Leistungen verrechnen die Maschinen miteinander, und zwar über das Konto des jeweiligen Fahrers.

XTECH ›

Share&Charge ›


Sicher, alles sicher?

DSC_0222Andre Kudra blickt kritisch auf die neue Technologie-Landschaft. Er ist CIO der esatus AG, die sich intensiv mit Datensicherheit und -risikoanalysen beschäftigt. Wesentlicher Nachteil der dezentralen Lösung sei, dass der Kryptoschlüssel ausschließlich auf der eigenen Festplatte gespeichert wird. Wer diese verliert, verliert unwiederbringlich und vollständig sein virtuelles Guthaben.

Die dezentrale Technologie hat weitere Schwachstellen: Ein technisches Update ist nahezu unmöglich, da jeder Benutzer zustimmen müsste. Wählt man hingegen ein zentral angelegtes Konstrukt, schwinden die Blockchain-Vorteile. Trotzdem entstünden erste Sonderformate, etwa private Blockchains. Dann dürfen nur ausgewählte Mitglieder teilnehmen oder nur ausgewählte User Transaktionen bestätigen.

esatus AG ›


Jedermanns Bank

DSC_0267Das Mainzer Startup Brainbot Technologies denkt die Kryptowährung in eine völlig neue Richtung. Statt globalem Transaktionsnetzwerk ließe sich das Netzwerk auch durch ein Modell gestalten, das auf persönliches Kennen und privaten Austausch setzt. Ein solches „Raiden-Netzwerk“ hätte zwar die typischen Blockchain-Eigenschaften, würde aber wie eine Bank funktionieren, bei dem das Vertrauen miteinander um digitale Vernetzung angereichert wird.

Im Kern könnten daraus Banken samt Kreditsystem über Microbürgschaften oder dem Cash-for-a-stranger-Modell wachsen. Es ist ein innovatives Gedankenkonstrukt und ein echtes Kerninfrastrukturprojekt, an dem das Start-up tüftelt. Aus solchen kleineren Blockchain-Einheiten könnten beliebig skalierbare Modell wachsen, vermittelt Luis Bezzenberger.

Brainbot Technologies ›


Blockchain und IoT

„Es fühlt sich an, als würden wir die Wirtschaft neu aufbauen“, sagt Christoph Jentzsch über Blockchain. Der Mitbegründer von slock.it hat als Jungunternehmer mit seinem DAO-Konstrukt ein Unternehmen angestoßen, das ausschließlich auf einem Code basiert und damit 150 Millionen Dollar Risikokapital eingesammelt hat. Das erste globale Bit-kontrollierte Unternehmen scheiterte zwar in Teilen an einem Konstruktionsfehler im Code, doch das Investvolumen blieb gesichert und die junge Technologie erlangte daraus einen gewaltigen Lerneffekt.

DSC_0271Jentzsch glaubt unumstößlich an die Blockchain, denkt und kreiert mit slock.it bereits das nächste Ding: Würde man ein Kryptokonto via Smart Contract mit IoT kombinieren, ließen sich elektronische Schlösser temporär einem Nutzer zuordnen. Das Modell führt Ideen wie Airbnb weiter, der sprichwörtliche Handshake von Gast und Vermieter würde ins Digitale verlagert. Die Idee lässt sich beliebig weiterdenken: für Autovermietung, Parkgebühren oder die E-Zapfsäule.

Slock.it

Das DAO – ZEIT Online: Die erste Firma ohne Menschen ›