Zukunft jetzt: Startup-Day 2020


Die Start-up-Szene bleibt überraschend: Wandelbots und Ghost entwickeln ungewöhnliche Robotik-Kommunikationsmöglichkeiten, in München wächst ein Internet of Biosphere und KI führt zu neuen Dialogmodellen.

Als Investor beflügelt Dr. Florian Heinemann den Erfolg einzelner Founder. Sein Auswahlkriterium: In tausenden Gesprächen mit Gründern entstehe so eine Art Muster, das ahnen lasse, wer sich durchsetzen könnte. Wer investiert, braucht jahrelange Geduld.


Erfolg erfordert Geduld

Die Goldgräberstimmung der Start-up-Ökonomie ist einer durchorganisierten Professionalität gewichen, skizziert Dr. Florian Heinemann, Business-Angel, Investor und Co-Founder des Project A. Am Vorabend unseres Start-up-Days stand er den Mitgliedern im Fireside Chat Rede und Antwort: Kapitalinvestment in die Gründerszene brauche einen langen Atem, eine Risikostreuung über viele Branchen und eine sorgfältige Auswahl, damit nach Jahren zumindest einige Erfolgsmodelle zur Rendite führten, so Heinemann.

Aktuell gebe der Mittelstand Gas, doch eine Investition in ein oder zwei passende Gründerteams sei kritisch, Kooperationsmodelle sinnvoller – zumal in herkömmlichen Unternehmen der regelmäßige Managementwechsel einem dauerhaft gesicherten Investitionszyklus entgegenstehe. Heinemann gilt als versierter Insider. Er ist an mehr als 80 Start-ups beteiligt.

Project A 



Internet of Biosphere

Manchmal ist Großes leise: Felix Ortwein, Geschäftsführer der Ecosoph GmbH, schlägt behutsam ein neues Kapitel der Informationstechnologie auf und nennt es Internet of Biosphere, kurz IoB. Sein Ziel ist die Vermessung von Umweltressourcen.

Das Start-up koppelt dazu Nano-Energy-Technologie mit ausgefeilter Sensorik. So integriert er etwa Süßwassermuscheln, da deren Muskelkontraktionen hochsensibel jede Minderung der Wasserqualität signalisieren.

Das 15-köpfige Team in München leistet Pionierarbeit, baut triboelektrische Nano-Generatoren, um die Natur über autonome Sensor- und Datennetze zu vermessen. Sonne, Wind oder Reibungsenergie versorgen Sensoren und Datentechnik. Aus den Informationen entstehen ausgefeilte Analyse- und Kontrollsysteme für Umweltbehörden, Wetterdienste, Nationalparks und die Forstwirtschaft, für Aqua-Kulturen und die Landwirtschaft oder für die Veterinär- und Medizintechnik sowie See-, Energie- und Chemieindustrie. Das Expertenteam tüftelt nahezu unbemerkt am Aufbau einer IoB-Plattform.

ECOSOPH

SWS Project


Robotik für jedermann

Microsoft staunte, Volkwagen ebenso. Das Kanzlerinnenfoto scheint nur ein Milestone für die 70 Mitarbeiter des gerade einmal zwei Jahre alten Start-ups Wandelbots. Robotik für jedermann ist ein Erfolgsmodell des siebenköpfigen Gründerteams aus der Fakultät für Informatik der TU Dresden, erklärt Co-Founder Maria Piechnick. Das Team entwickelte einen TracePen, der es binnen Minuten unkompliziert jedem Roboter ermöglicht, eine Bewegung zu reproduzieren. Egal ob Schleifarbeiten, Politur oder das punktgenaue Aufbringen von Klebemasse: Der TracePen und die zugehörige Software vereinfachen und beschleunigen die komplexe Steuerung von Robotern, und zwar unabhängig vom Modell.

VW testete das System im Alltagsvergleich mit eindeutigem Ergebnis: Es ist einfacher, 70-mal schneller in der Einrichtungspraxis und spart daher zehn Prozent der Kosten. Wandelbots agiert auf einem global expandierenden Robotik-Markt; ihr erstes Auslandsbüro eröffneten die Dresdner in Japan.

Wandelbots



Maschine fühlen!

Mensch und Maschine sollen miteinander interagieren können, so das Ziel des Berliner Start-ups Ghost. Vibrationselemente verdeutlichen einem Anwender am eigenen Körper die Kraft, mit der ein künstlicher Greifarm zupackt.

Solche Vibrationsmodule integriert das Start-up in Kleidung oder Autositze und baut damit eine „gefühlte“ Brücke zwischen Mensch und Maschine, schildert Co-Founder Laura Bücheler. Dauer, Frequenz und Intensität der Vibrationssignale können nicht nur die Kraft des Roboters spürbar werden lassen, sondern ebenso sensorische Daten wie Temperatur vermitteln.

Ob Prothesen, ferngesteuerte Roboter oder schlicht Signalgebung via Autositz – haptische User-Interfaces sind ein Modell für die Kommunikation zwischen Maschine und Mensch. Porsche ist bereits überzeugter Partner der drei Gründerinnen.

GHOST- feel it


Emotionale Signale zwischen den Zeilen

Maschinen sollten nicht nur Sprache verstehen, sondern auch Zwischentöne wahrnehmen, vermittelt audEERING. Die Erfassung von Sprache und Inhalten erweitert das Start-up um die Lautwahrnehmung, also Phonetik, erklärt Co-Founder Dr. Florian Eyben.

Er verdeutlicht, dass mit Worten stets eine Vielzahl an weiteren kommunikativen Signalen transportiert werde. Mit einem Deep-Learning-System erfasst audEERING emotionale Nuancen und leitet daraus eine „Kontextintelligenz“ ab.

Die AI-Software ermöglicht damit beispielsweise eine Call-Center-Unterstützung, um die Arbeit der Agenten zu verbessern. Komplexer sind eine App als Präventionsmodell im Bereich psychischer Erkrankungen, eine Roboterplattform zur Interaktion mit autistischen Kindern, eine VR-Therapie gegen Phobien oder eine automatische Stressmessung.

audEERING



Sie sprechen mit einem Bot

Bei Speditionen ist der kurze Call üblich: „Haben Sie eine Fracht nach xy?“ Es folgt ein Austausch zu Abhol- und Zieladresse, Volumen, Gewicht und Termin. Neu ist, dass die Maschine das Gespräch führt, im Plauderton alle Daten abfragt, relevante Fakten erkennt, speichert und verarbeitet, zielgerichtet offene Fragen klärt, um anschließend per Mail den Auftrag zu bestätigen. Die Kalkulation sendet der menschliche Kollege.

Das Wiener Start-up ONDEWO realisiert solche intelligenten Dialoge mit Sprachbots, die den Dialog per Künstlicher Intelligenz gelernt haben, erklärt CEO und Co-Founder Andreas Rath. Unermüdlich kontaktiere die Maschine exakt, zuverlässig und stets freundlich, filtere und sortiere mittels KI die Fakten.

Derartige automatisierte Outbound-Telefonate prägen verschiedene Branchen; die KI von ONDEWO lernt nach Kundenwunsch. So nutzen beispielsweise ADAC oder DATEV bereits das Kommunikationsformat. Rath und sein Partner Dr. Alexander Schult gründeten 2017.

ONDEWO


Verschwiegener Assistent

Er ist längst Realität – der persönliche Assistent, der sich mit dem smarten Haus, dem Auto oder IoT-fähigen Geräten verbindet, Services von Entertainment bis hin zur Suchmaschine oder eigenen Dateien vernetzt, der Fragen beantwortet oder aufs Wort gehorcht. Im Gegenzug erfährt der smarte Assistent der bekanntesten Systeme viel über den Nutzer. Und genau das sei beim Personal Assistant gigaaa anders, beschreibt Gründer Dragan Alexander Stevanovic.

Sein Assistent speichere keine Kundendaten. Dies sei lediglich Unternehmen, die gigaaa als Service anbinden, gestattet. Sie könnten daher unabhängig von großen Datenkonzernen agieren: Ein klarer Vorteil für viele Branchen mit sensiblen Datenschutzanforderungen und deren Kunden.

Das gigaaa-System ist mehrsprachig und vielschichtig. Die Voice-Steuerung funktioniert über Smartphone, Smartwatch oder Lautsprecher. In der Kundenliste stehen bekannte Marken von Mobilfunkanbietern wie Vodafone bis hin zu Energieunternehmen.

gigaaa



Car/Copter: Pop.Up

Die Idee von Flugtaxi und smartem Car verschmilzt Italdesign zu einer Fahrgastzelle. Die italienischen Entwickler, die Know-how von den Partnern Audi und Airbus nutzen, ersetzen herkömmliche Modelle durch eine Modul-Variante. Das System Pop.Up besteht aus einer vernetzten und automatisch gesteuerten Fahrgastzelle, einem fahrbaren Unterbau und einem aufsetzbaren Quadrocopter. Es soll den Luftraum als umweltverträgliche städtische Verkehrsvariante erobern.

Die Machbarkeit der Studie skizziert Jennifer Raffin, Head of Strategy bei Italdesign. Sie berichtet von positiven Akzeptanzanalysen, Erfolg versprechenden Businessschätzungen und Use-Cases wie Airportanbindung, medical Services oder Sightseeing-Optionen.

Einerseits birgt das Projekt noch Risiken: regulatorische Hürden, Akzeptanz und technische Entwicklungen müssen bewältigt werden. Andererseits gilt Italdesign als erfolgreiches Labor und Werkstatt ausgefallener Ideen.

Italdesign

Höher, schneller, gescheiter


Es zählt: das Team!

Die Zukunft war gestern – zumindest für Investoren, die den Einstieg in Trend-Start-ups verpasst haben. Robert Martin blickt daher konsequent nach vorne. Er ist Projektleiter des Accelerators APX, ein gemeinschaftlicher Frühförderer von Porsche Digital und Axel Springer.

„Es zählt ein starkes Team, denn das kann selbst eine mittelmäßige Idee erfolgreich machen“, sagt er. Die Startphase bei APX ist für Gründer hart: Um seine Idee auszufeilen und zu entwickeln, erhält ein Team für 100-Tage ein Büro, wertvolle Kontakte und einen Vorschuss von 50.000 Euro gegen einige Prozentpunkte an Unternehmensanteilen. Nach der 100-Tage-Frist muss das Start-up seine Büromiete selbst tragen.

Konsequent setzen die Investoren auf ein breit gefächertes Portfolio aus Fintech, Health Service, Media, Mobility, Travel-Segment und Lifestyle. 50 Founder will man so gewinnen, der Löwenanteil sei bereits gesichert, so Martin.

APX ›



Uplift mit Vodafone

Gründer finden bei Vodafone Uplift Unterstützung – als Accelerator bietet das Unternehmen technisches Know-how, einen Proof of Concept, Medien- sowie Marketingsupport und praktische Unterstützung. Einige der teilnehmenden Start-ups haben sich bereits beim Plenum vorgestellt, darunter „unu“ mit seinem e-Scooter, „uniberry“ mit einem On-demand-Wohnungsschlüssel oder das IOX-Lab, das sich auf die Realisation von IoT-Projekten konzentriert.

Uplift wirke über Vodafone hinaus, so Michael Reinartz, Director Consumer Services & Innovation. Es vernetzt die Start-ups bei Bedarf mit namhaften Unternehmen von Bosch oder BMW bis ThyssenKrupp und vermittelt bei Bedarf auch Kontakte zu verschiedenen exzellenten Hochschulen.

Vodafone Uplift


No Exit

Gründer sind hochmotiviert. Doch was passiert am Ende des Traums, nach dem Exit? Michael Asshauer hat seine App Familionet letztendlich zurückgekauft – von Daimler. Familonet ist ein vor allem in Asien und USA begehrter Ortungsservice, ein Selbstläufer, den Asshauer mit seinen Mitgründern sieben Jahre lang entwickelt hatte.

Begehrt seien die technischen Entwicklungen gewesen, Neuerungen, die ins Portfolio der Automobilmarke passten, musste Asshauer lernen. Das Produkt, das bereits erfolgreich lief, führte nach dem Verkauf hingegen ein Schattendasein. Durch den Rückkauf konnte er Familionet neu beleben.

Seine Gründererfahrungen gibt er nun weiter – im Podcast oder im Buch. Eines vorneweg: Asshauer blickt ungeschminkt auf seine Gründerjahre, das ist hörens- und lesenswert.

Talente Hacks

FamiloApp