Chinas Zukunft: New Silk Road

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China ist gigantisch: ein Markt mit über einer Milliarde Menschen, 100 Millionen davon in einem weitgehend einheitlichen Mobilfunkmarkt. Für weltweit 124 Nationen ist der rote Drache wichtigster Handelspartner. Und mit der New Silk Road erschließt er sich neue eurasische Wirtschaftsräume.

Staatlich erklärtes Ziel ist Wohlstand für alle, und das friedlich. Dafür wagt die kommunistische Regierung enorme Experimente: Riesige urbane Regionen entstehen, Staatskonzerne dominieren Schlüsselindustrien, die Volkswirtschaft wird aus einem monopolisierten Finanzwesen gesteuert, das Internet ist abgegrenzt und sogar ein Staat 1.0. wächst.

Dabei ist das Reich der Mitte innovativ, zeigte sich während unser Arbeitsreise im Frühjahr. Mit dem „China-Day“ hat das Plenum seine Eindrücke vertieft.


Das Experiment Zukunft

Chinas Zukunft sei ein Experiment, so Prof. Dr. Xuewu Gu, Center for Global Studies (CGS), in Bonn. Dabei setzen Staatspräsident Xi Jinping und seine Führungsriege auf kontrollierte wissenschaftliche Kompetenz. Im Banken- und Energiesektor, der Telekommunikation und bei Airlines wetteifern Staatskonzerne in Konkurrenz, privates Kapital wird kritisch beäugt. Und der politisch geprägte monopolisierte Finanzmarkt gilt als Bollwerk vor weltweiten Krisen.

DSCF5091 KopieFür jährlich 220 Millionen Wanderarbeiter plant China eine Heimat in „Super City Clusters”. Wachstum und Wohlstand statt Slums, beschreibt Gu. Und während ein „Golden Shield“ das chinesische Internet von der Restwelt trennt, kooperiert die Staatsmacht mit der Weltbank, der Welthandelsorganisation (WTO), dem Internationalen Währungsfonds (IMF) und hat den Atomwaffen-Sperrvertrag akzeptiert (NPT). Der Austausch mit etablierten Großmächten gilt als Strategie der Anerkennung, verdeutlicht Gu.

Prof. Dr. Xuewu Gu

Center for Global Studies Bonn


Risk Future

Die chinesische Politik zeigt auch eine andere Seite: Dem Finanzsektor droht eine Immobilienblase. Durch die einstige 1-Kind-Politik würde in 20 Jahren jeder Erbe ca. vier Häuser besitzen – Steuerschuld inklusive. Und: Rund 500 Millionen Menschen sollen in künftigen Mega-Metropolen wohnen. Man stelle sich im Vergleich hierzulande eine rein urbane Zone von Dresden über Leipzig nach Berlin vor – 19 solcher Mega-Städte mit allen Herausforderungen sind in China geplant.

Im Wettbewerb der Staatskonzerne fehlte echte Konkurrenz, ebenso schützt ein „golden Shield“ die Big Player der Internetszene. Die Onlineriesen wirken auf den ersten Blick wie Kopien westlicher Erfolgsmodelle. Googles Pedant heißt „Baido“, Twitters Twin ist „Sina Weibo“, Facebooks Gegenstück Renren, Ebay und Amazon finden sich in Tabao, Youku ähnelt YouTube und Chinas WhatsApp heißt schlicht WeChat.

Konsequent hat China sich vom Schwellenland ins digitale Zeitalter entwickelt. All das erzeugt Verdrängungsangst – vor allem in den USA.

Chinas Aufstieg / FAZ


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New Silk Road

Die Volksrepublik China denkt groß: Mit der neuen Seidenstraße erschließt sie den eurasischen Wirtschaftsraum, darunter Entwicklungs- und Schwellenländer, erklärt Prof. Dr. Sebastian Heilmann, Gründungsdirektor des Mercator Institute for China Studies. China investiert in Pipelines, Autobahnen, Bahntrassen, Bahnhöfe, Häfen, in ein Satellitensystem für GSP und digitale Kommunikation.

Großzügig finanziert das Land eine Wette auf Zukunft, „auf offene Vision und Einladung zur Kooperation“, formuliert Staatspräsident Xi Jinping. Kritiker sagen, den Ländern entlang des Belt-and-Road-Projekts drohe Überschuldung durch großzügig finanzierte Infrastrukturideen. Es entstehe Abhängigkeit vom roten Drachen. Die neue Seidenstraße schürt Ängste, in den Vereinigten Staaten befürchte man ein USA second, vermittelt Sebastian Heilmann.

Endpunkt der New Silk Road ist Europa. Der Kontinent werde zur Bruchlinie zwischen amerika- und china-dominierten Cyber-und Biotech-Sphären. Dazu fehlt für Industrie 4.0, E-Commerce, vernetzte Mobilität, KI-Anwendung und Life-Science eine passende Antwort, erläutert der Wissenschaftler.

Sebastian Heilmann

Belt-and-Road-Projekt / Mercator

EU-Studie Silk-Road-Projekt


Aufholjagd des roten Drachen

DSCF4794 KopieNeun chinesische Brands zählen aktuell zu den 20 global Leader Companies. Der Insider Georg Stieler seziert Marktstatistiken nahezu, um den rasanten Wandel zu beleuchten. Alibaba und Tencent gelten mit ihrem Mix aus Off- und Online-Welt als margenstarkes Vorbild. Intensiv würden KI und Fin-Tech-Ideen, der Drohnen-Sektor, Entwicklungen in Healthcare sowie New Retail & Logistik gepusht. Und in Sachen eMobility gilt die Volksrepublik unbestritten als Vorreiter.

Nicht alles sei wirtschaftlich. eCars würden unter den Produktionskosten verkauft. Maschinellem Lernen und Sprachassistenten mangele es an vielschichtigem Niveau und digitales Healthcare sei in einem überalterten Land mit Negativrekord an Lungenkrebs und Diabetes-Patienten reine Überlebensstrategie.

Vor allem aber fehlten Halbleiter, nennt Stieler die Achillesferse des digitalen Aufschwungs. Amerika blockiert, China sucht eigene Lösungen. Sie haben in der „Made in China 2025“-Strategie Priorität: Die Regierung investiert 140 Milliarden US-Dollar in 46 Halbleiter-Projekte.

STM Stieler


Ungeschminkte Konkurrenz

Wer in der Volksrepublik investiert, sollte die Mentalität kennen, erläutert Dr. Stefan Gilch, Board Member Otto Dunkel Group China. In einem Inlandsmarkt mit über einer Milliarden Menschen brächten selbst geringe Marktanteile ein Riesengeschäft. Im Preiskampf herrsche gnadenloser Wettbewerb, oft zu Lasten der Qualität. Doch das habe Methode.

Chinesen vertrauen dem Label Made in Germany, berichtet Gilch. Qualität koste aber Geld und Zeit. Wer hingegen kopiere, Qualität vernachlässige, sei schneller und billiger. Erkenne der Markt die Mängel, werde einfach an der Qualitätsschraube gedreht. Solche Konkurrenz wirtschafte ausschließlich im schnellen Profit. Eigene Innovationsgeschwindigkeit müsse dem strategisch entgegenstehen, schildert der Fachmann.

ODU Gruppe


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Politik und Business

Als einstige Bundeswirtschaftsministerin warnte Brigitte Zypries vor einem leichtfertigen Ausverkauf systemrelevanter Schlüsselindustrien an die Volksrepublik. Es sei eine Balance zwischen Partnerschaft und Eigeninteresse, erklärt die Politikerin beim Workshop des Plenums. Die Chinesen investierten alleine 2017 rund zwölf Milliarden in Deutschland. Ihre Bedenken von einst fand mit dem Verkauf von Kuka Gehör quer durch die Parteien, heute schützen neue Regeln systemrelevante Technologie.

Dabei war es Zypris, die früh erkannte, welch enorme Bedeutung im deutsch-chinesischen Verhältnis persönliche Beziehungen spielen. In ihrer Zeit als Justizministerin vertiefte sie die Begegnungen und startete den regelmäßigen Austausch, betont sie. Und das wirkt bis heute, der Austausch ist lebendig.

Brigitte Zypries


Im digitalen Käfig

Wird ein Social Score, ein Punktekonto, das jedes persönliches Verhalten spiegelt, zum Kern kommender Gesellschaften? In der Wirtschaft wären dabei verbrauchergerechtes Verhalten, das Erfüllen von Marktregeln, Industrie- oder Politikvorgaben die neue Maßeinheit der Bonität, so die Befürworter. China setzt konsequent auf eine solch digital kontrollierte Gesellschaft.

Die Volksrepublik entwickelt dazu den Staat 1.0., Kontrolle, immer und überall. Die Daten liefern 170 Millionen Kameras, gekoppelt mit superschneller Big-Data-Analyse. 400 Millionen Überwachungsaugen sollen es bis 2020 werden, „ein Leben im Datenkäfig“. Wer bei Rot die Straße überquert, auf der Autobahn rechts überholt oder rast, erhält das Strafmandat direkt aufs Smartphone. Mit jeder Verfehlung sinkt man zudem im Social Score, schlimmstenfalls droht der digitale Pranger im sozialen Netzwerk.

Seit 2013 werden aus der Parteizentrale landesweit Cyber-Administrationen errichtet. Seit 2016 gilt das „Cyber Security Law“ und ein „Social Credit System“ befindet sich im Aufbau. Die digitale Aufsicht ist übrigens willkommen, zeigen Umfragen. Dem Staat vertrauen die Bürger mehr als der Privatwirtschaft.

NY-Times: Chinas Überwachungstechnologie


Social Business

Der Social Score verändert bereits das Business, berichtet Sebastian Heilmann. Es existieren schon sogenannte Negativ-Listen: Wer die Abgabefrist für den Jahresbericht versäumt, mit irreführender Werbung schludert, wird angezählt, Sanktionen folgen. Einen Eintrag kann und muss man fristgerecht korrigieren, sonst droht die Blacklist. Darin erscheint, wer Marken verletzt oder unsichere Produkte vertreibt.

Unternehmen in der Blacklist können aus den sozialen Netzwerken verbannt werden. Führungspersonal wird eine Zukunft in der Unternehmensleitung verbaut und es erhält Bahn- und Flugverbot. Niemand ist davor gefeit!

The Guardian: Business Score


„Made in China“

DSCF4957 KopieDer Austausch beflügelt die Volksrepublik, in der Start-up-Szene agiert der Inkubator TechCode. Mit Niederlassungen in USA, Russland, Korea, Finnland und natürlich Berlin sucht er weltweit kreative Köpfe und vermittelt Ideen aus und ins Reich der Mitte.

„Globalization 4.0“ nennt es General Manager Emon Wang und verweist auf ausgewählte Start-ups aus seinem Haus: „Anacode“ betreibt digitalen Marktanalyse, nutzt das Web als größte und wertvolle Quelle. Konsumentenverhalten, Konkurrenzanalyse, Wettbewerbsbetrachtung und Kooperationsansätze eruiert, filtert und bewertet der intelligente Algorhythmus. MoBike ist bereits als Mobility-Anbieter erfolgreich, erringt mit der Marke in China Höchstwerte. Auch in Deutschland ist das Start-up mit seinen Leihfahrrädern auf Erfolgstour. Hingegen positioniert sich das Start-up Glymz als Brücke ins Reich der Mitte, als begleitender Berater auf dem Weg in neue Märkte.

Techcode 

Anacode

Mobike

Glymz


Psychogramm einer Weltmacht

Wer mehr über China lernen möchte, dem sei „Die Chinesen“, ein Sachbuch von Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron, empfohlen. Gemeinsam haben sie einen über 400 Seiten starken Wirtschaftsbestseller geschrieben. „Unbedingt lesen“, die Empfehlungsliste reicht von Sigmar Gabriel bis Heinrich von Pierer.

Sachbuch: Die Chinesen


Einsteigen, bitte!

Wien, Moskau, Düsseldorf, Duisburg, Antwerpen und in dieser Woche Mainz: Laut „Die Welt“ wird rund alle 14 Tage eine neue Frachtzugverbindung zwischen China und Europa eingeweiht. Eine Grafik der China Railway Corp. verdeutlicht, dass der Schienen-Traffic enorm steigt, der Warenweg wird im Vergleich zu den deutlich Schiffsverbindungen schneller.

Die Welt: Die neue Seidenstraße